Einer neuer Aggregatzustand

Am Anfang stand die Idee oder besser der seit einigen Jahren gehütete Wunsch nach Selbständigkeit und einer eigenen Firma. Eigenständig, selbständig und selbstgewählt sollte die Arbeit gestaltet werden. Die Gedanken waren vorhanden. Mal mehr mal ganz schön wenig. Aber ehrlich gesagt, der Schritt zur Selbständigkeit, zu diesem öffentlichen Blog und zum Angebot als Berater, Companion, zu unterstützen, ist nicht das Ergebnis der Erfüllung des langgehegten Wunsches, sondern das Ergebnis der Erfahrungen in den letzten Jahren. Den Erfahrungen aus beruflichen Laufbahnen, den Erfahrungen als Führungskraft und der Ohnmacht vor Veränderungen, vor echten Veränderungen. Von Anfang an habe ich die Themen und Situation sowie die Optionen in der Arbeitswelt immer ein wenig anders gesehen. Ich war offen für Neues, offen für die Gestaltung einer freiheitlichen und offenen Gemeinschaft, die ein Unternehmen nun einmal abbildet. Ohne die landläufigen Begriffe, Methoden und Hypes der aktuellen Organisationsentwicklung zu kennen, habe ich instinktiv immer Menschen, Mitarbeiter, einbezogen. Auch als Führungskraft habe ich den Unterschied, der im Organigramm oder in den Prozessen zu entdecken war weder wahrgenommen noch eingefordert. Sicherlich hat es mir des Öfteren die Möglichkeiten und Plattform geschaffen, meine Gedanken und Sichtweisen offen anzusprechen.

EIN NEUER ZUSTAND

Aber so oft sind die Gedanken und Ideen an einer Mauer des Althergebrachten, an dem Widerstand der Oberen oder der Angst vor Verlusten abgeprallt. Einen Weg, einen neuen Weg zu gehen habe ich nicht gefunden. Bis jetzt. Der eigene Leidensdruck musste nur hoch genug sein. Dann bewege ich mich. Und schon befinde ich mich auf einem neuen Pfad der Findung. Selbständigkeit ist nur ein Schritt und ein anderer Aggregatzustand in der „beruflichen“ Physik. Vom harten „Eis“ bin ich flüssig geworden. Kein fester Zustand, keine klare Form umgibt mich jetzt. Strukturen, Prozesse und Arbeitsplätze gehen verloren. Der flüssige Zustand kann sich überall hinbewegen, sich neue Wege suchen und doch als eine Einheit wahrgenommen werden. Aber es ist eben auch unkontrollierter oder anders ausgedrückt nicht mehr so griffig. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr gefällt mir das Bild. Denn Organisationen sind ja auch starre Strukturen und Gebilde. Festgelegt und geformt als eine bestimmte Einheit.

Mit dem Schritt ins gewisse Ungewisse kommt der Punkt, seine Arbeit, seine Ideen und seine Unterstützung Dritten anzubieten. Unsicherheit breitet sich aus. Ich wünsche mir Klarheit, die es nicht so einfach gibt. Ich wünsche mir, die Erkenntnisse der nächsten Schritte, wohlwissend, dass es dies nicht geben wird. Ich zweifele an meinen Erfahrungen, an meinen Kompetenzen und Fähigkeiten. Es muss perfekt sein. Und doch sitzt tief in mir drin, ein Gedanke und eine Überzeugung von der Zukunft der Arbeit, der Zukunft der Organisation und der Mitarbeiter. Es ist kein klares Bild und es revolutioniert sicherlich nicht die aktuelle Diskussion über die zukünftige Arbeitswelt. Aber ich bin so sehr überzeugt, dass Veränderungen anstehen, die uns alle betreffen und sehr individuell sein werden.

Überall erleben wir die Diskussionen über die Änderungen an Organisationen, der neuen Arbeitswelt und die Notwendigkeit auf die komplexen Herausforderungen zu reagieren.

Veränderungen werden blockiert

Doch immer wieder kommt der Punkt, dass die nächsten Schritte nicht gegangen werden, die Idee abgeblockt werden oder eine gemeinsame Weiterentwicklung der Unternehmen und insbesondere Mitarbeiter nicht stattfinden soll. Mit dem Festhalten an dem Bestehenden, dem Sichern des Status-quo und vor allem der Angst vor dem Loslassen und dem Verlust der Karriere sollen Veränderungen abgewendet oder aufgehalten werden. Ideen werden abgeschmettert. Neue Wege blockiert. Meinungen gebremst. Offene und ehrliche Diskussionen gestoppt. Sicherlich mal mehr mal weniger aber immer mit dem Ziel Veränderungen und Anpassungen an die Herausforderungen abzuwenden oder zu minimieren. Ehrlichweise dies betrifft oft allererst Führungskräfte, Management und Entscheider, weil sie Kraft Amtes die „Macht“ haben, aber auch manche Mitarbeiter wollen nichts ändern und erhalten das „Alte“. Auch hier gilt, der Verlust des Vertrauten, der Gewohnheit und der Routine ist stärker als die Neugierde und das Verständnis für Anderes. Dies ist nachvollziehbar, es ist menschlich. Wer möchte schon seine geliebten Prozesse verlieren. Wer möchte sich schon auf Neues einstellen müssen. Wer möchte seine Position und seinen Status vermeintlich aufgeben. Die meisten Menschen wünschen sich Stabilität und Sicherheit im Beruf.

Anders geht es auch

Bei mir herrschte oft dieses Gefühl etwas anders machen zu müssen, zu dürfen und zu können. Die Suche nach Gestaltung. Die letzten Jahre hat gezeigt, dass dies nicht so einfach zu finden ist. Die Themen erkennen, benennen und bearbeiten können und wollen. Meine Überzeugung ist, dass es anders gehen kann. Das Führung und Arbeit sich ändern kann, wenn nicht muss. Für die Herausforderungen der Zukunft und die Überlebensfähigkeit der Unternehmen ist es ausschlaggebend, sich neue oder andere Wege zu suchen. Zusammenarbeit neu zu gestalten und Mitarbeit zuzulassen.

Deutschlandweit, ja international wird dies erklärt, beschrieben, lautstark gefordert oder beklagt. Also nichts Neues. Stimmt. Es entstehen Methoden, Modelle oder Manifeste, die alles dies beschreiben und fordern. Wer lauter schreit, wird gehört. Wer öfters geliked wurde ist in. Oder was gerade viele anspricht. Von agilen Methoden, den unterschiedlichen Prinzipien bis zu Entwicklungsmethoden oder Veränderungsprogrammen gibt es alles auf dem Markt. Und noch vieles mehr. Buzzwords / Hypes ziehen durch das Land und lassen sich überall verkaufen oder wenigstens anpreisen. Das ist verständlich und zeigt die allgemeine Spannung hin zur Veränderung. Jeder hat das Gefühl etwas machen zu müssen, jeder hat das Gefühl mitmachen zu müssen. Ober auf der Auftraggeber Seite, dass Unternehmen hier die übergreifende und allgemeingültige Formel suchen oder auf der Anbieter-Seite so viele Methoden und Prinzipien zu verkaufen wie möglich.

Und ich stehe nun mit meiner Selbständigkeit hier ganz alleine und möchte auch mitmachen. Und doch irgendwie anders. Ohne Methode, Zertifizierung oder eigener Marke scheint dies fast unmöglich zu sein. Es nimmt mir in Teilen den Mut und schwächt meine Überzeugung. Darum begebe ich mich auf der Suche, nach meiner eigenen Philosophie. Nicht die einzig wahre, aber die zu mir passende. Passend zu meiner Überzeugung, passend zu den individuellen Fragestellungen, passend zu meinen Kompetenzen und Fähigkeiten. Passend zu Unternehmen und Menschen. So bunt, die Arbeitswelt ist, so vielfältig die Herausforderungen sind, so unterschiedlich Menschen sind, so individuell muss doch die Antwort sein. Oder?